Früher war’s – Willi Krause im Kaiserreich

Willi Krause erinnerte sich an das Kaiserreich nicht als große Zeit.
Eher als kalte.

Er war ein Kind, als der Kaiser noch regierte, aber in seiner Erinnerung trug der Mann keinen Bart und keine Uniform. Er trug Arbeitsschuhe. Meistens die seines Vaters, die morgens schwer auf dem Hof klangen. Ein Geräusch, das sagte: Der Tag fängt an. Ob du willst oder nicht.

Die Wohnung war klein. Zwei Zimmer, Küche, Ofen. Warm wurde es nur, wenn Holz da war. Und Holz war nie einfach da. Willi lernte früh, dass man Sachen aufhebt. Schnüre. Nägel. Brot, das hart geworden war. Wegwerfen war kein Wort, das man benutzte.

Seine Mutter kochte, was da war. Und wenn sie Bouletten machte, war das ein guter Tag. Dann roch es nach Zwiebeln und Fett, und Willi wusste: Heute geht man nicht hungrig ins Bett. Er stand auf einem Stuhl und durfte rühren. Zu doll, sagte sie. Immer zu doll. Aber sie ließ ihn machen.

Der Vater redete wenig. In der Werkstatt hinterm Haus wurde gearbeitet. Sägen, feilen, hämmern. Willi saß oft daneben, tat so, als würde er helfen. Eigentlich hörte er zu. Männer sprachen anders, wenn sie arbeiteten. Ehrlicher. Kürzer.

Die Schule mochte Willi nicht. Zu viele Worte, zu wenig Sinn. Aber er lernte, was man lernen musste. Lesen, rechnen, pünktlich sein. Prügel gab’s auch. Das gehörte dazu. Man wurde nicht gefragt, wie man sich fühlte.

Berlin war damals kein Versprechen. Es war ein Ort. Einer, an dem man blieb, weil man musste. Die Straßen waren dreckig, die Häuser grau, die Leute beschäftigt. Keiner hatte Zeit für Träume.

Aber Willi lernte etwas Wichtiges:
Man kommt durch.
Nicht, weil es leicht ist. Sondern weil man weitermacht.

Und vielleicht war das das Kaiserreich für ihn. Kein Glanz. Keine Fahnen. Sondern ein langer Anfang.


Willi Krause erinnert sich

„Warm war et selten. Aber satt – dit war schon wat.“


Historischer Fakt

Im Deutschen Kaiserreich (1871–1918) lebten viele Berliner Familien unter einfachen Bedingungen. Wohnungen waren oft überfüllt, Arbeit war hart, und die soziale Absicherung gering. Essen musste vor allem nahrhaft und günstig sein – Genuss kam später.


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