Früher war’s – Als die Franzosen Berlin beigebracht haben, durchzuhalten

Berlin war Ende des 17. Jahrhunderts keene Schönheit. Mehr Baustelle als Hauptstadt, mehr Wind als Komfort. Und trotzdem standen sie plötzlich da: französische Familien, mit Koffern, Kindern und diesem Blick, den Menschen haben, die schon zu viel verloren haben, um noch überrascht zu sein.

Die Hugenotten waren geflohen. Nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil man ihnen in der alten Heimat klargemacht hatte: Entweder ihr gebt euren Glauben auf – oder ihr geht. Der brandenburgische Kurfürst hatte sie eingeladen. „Kommt her“, sagte er sinngemäß, „wir brauchen euch.“ Und Berlin brauchte damals so ziemlich alles.

Für die Einheimischen waren die Neuankömmlinge erst mal „die Franzosen“. Sie sprachen komisch, zogen sich anders an und hatten seltsame Vorstellungen davon, wie ordentlich eine Werkstatt oder ein Haushalt zu sein hatte. Aber sie arbeiteten. Und zwar gründlich. Sie bauten auf, reparierten, rechneten nach, organisierten – Dinge, die in Berlin oft eher… sagen wir: flexibel gehandhabt wurden.

Aus diesen Familien gingen Kaufleute hervor, Handwerker, Gelehrte. Und einer von ihnen – ein Nachfahre dieser geflüchteten Protestanten – sollte es später ziemlich weit bringen: François Nicolas Mollien. Kein Berliner im engeren Sinne, aber ein Kind dieser hugenottischen Geschichte. Finanzminister in Frankreich, zuständig für Zahlen, Ordnung und das Überleben eines Staates, der ständig kurz vorm finanziellen Zusammenbruch stand. Vielleicht kein Zufall.

Denn wer gelernt hat, mit Verlust zu leben, wer weiß, wie man von vorne anfängt, der entwickelt einen besonderen Blick für Stabilität. Für das, was trägt, wenn alles andere wackelt. Diese Haltung brachten die Hugenotten mit nach Berlin – lange bevor jemand von „Integration“ sprach.

Natürlich war das Zusammenleben nicht immer harmonisch. Die Berliner murrten, die Franzosen hielten Abstand, und beide Seiten waren überzeugt, es besser zu wissen. Aber die Stadt wuchs. Nicht nur an Häusern, sondern an Erfahrung. Französisch mischte sich unter das Berliner Deutsch, neue Ideen unter alte Gewohnheiten.

Und irgendwann war nicht mehr wichtig, wo jemand herkam, sondern ob er blieb.

Vielleicht liegt genau hier ein alter Berliner Kern: Man fragt nicht lange nach der Vergangenheit, solange jemand bereit ist, anzupacken. Berlin hat nie gefragt, ob du perfekt passt. Nur, ob du es aushältst.

Früher war’s so.
Und ehrlich gesagt – viel geändert hat sich nicht.

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